Indonesien schreibt Asiens nächste Erfolgsstory

Indonesiens Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Noch basiert ein Großteil des zunehmenden Wohlstands auf dem Rohstoffreichtum des Inselstaats. Wenn es der Regierung gelingt, die junge Bevölkerung besser auszubilden, hat das Land exzellente Zukunftschancen.

Kinder im Hafen von Jakarta: Indonesiens Wirtschaft konnte die FInanzkrise fast unbeschadet überstehen. Quelle: dapd Fotoquelle: handelsblatt.com

Kinder im Hafen von Jakarta: Indonesiens Wirtschaft konnte die FInanzkrise fast unbeschadet überstehen. Quelle: dapd Fotoquelle: handelsblatt.com

JAKARTA. Die Stadt, in der er vier Jahre seiner Kindheit verbrachte, hat Barack Obama kaum wiedererkannt. Damals jagte er in den Straßen Jakartas Hühner und floh vor den Wasserbüffeln. Heute prägen das Zentrum gläserne Wolkenkratzer – und Obama jagt nach Aufträgen für Amerikas Not leidende Industrie. Bei seinem Staatsbesuch vor zwei Wochen würdigte der US-Präsident Indonesien als „aufstrebende Regionalmacht“ und lobte das dynamische Wirtschaftswachstum. Das Land spiele eine wichtige Rolle bei dem Ziel, den Export der USA zu verdoppeln.

Indonesiens Wirtschaftsboom soll US-Jobs retten, die wegen der Flaute daheim auf der Abschussliste stehen. Größer könnte der Kontrast zum Indonesien-Pessimismus Ende der 90er Jahre kaum sein, als die Welt den Insel-Staat zu einem „hoffnungslosen Fall“ abstempelte. Damals erschütterten die Asienkrise und das Ende von drei Jahrzehnten Suharto-Diktatur das Land. Die Wirtschaft stand kurz vor dem Zusammenbruch. Brutale Konflikte zwischen Militär und Separatisten schreckten die Weltöffentlichkeit auf, radikale Islamistengruppen waren auf dem Vormarsch. Viele Beobachter fürchteten, Indonesien versinke in Gewalt und Anarchie.

Heute zählt es zu den politisch und wirtschaftlich stabilsten Ländern Südostasiens. Es ist die drittgrößte Demokratie nach Indien und den USA und Mitglied der G20. Dank seines moderaten Islam gilt es als wichtiger Mittler zwischen dem Westen und der muslimischen Welt. Die Wirtschaft hat die jüngste Finanzkrise fast unbeschadet überstanden, selbst auf dem Höhepunkt der Weltrezession 2009 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 4,5 Prozent. In den nächsten Jahren wird Indonesien nach einhelliger Meinung der Ökonomen eines der wirtschaftlich dynamischsten Länder sein. Die jährlichen Wachstumsraten bis 2015, so die Prognosen, werden im Durchschnitt mehr als sechs Prozent betragen. Die Staatsfinanzen sind gesund. Die Währungsreserven steigen und die Zentralbank hat die Inflation weitgehend im Griff.

Der Mittelstand wächst und kauft

„Es ist zu erwarten, dass sich die indonesische Volkswirtschaft weiterhin auf dem hohen Wachstumspfad der vergangenen Jahre entwickeln wird“, urteilt denn auch der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup in seinem Länderreport für das Handelsblatt. Für deutsche Unternehmen werde das Land als Exportdestination und Produktionsbasis zunehmend wichtiger werden. Besonders für Investitionsgüter wie Maschinen, chemische Erzeugnisse und Mobilfunktechnologie sieht Rürup große Absatzchancen. Denn der Wandel vom Agrar- und Rohstoffproduzenten zum Industriestandort habe gerade erst begonnen.

Das hohe Wachstum selbst während der Finanzkrise verdankt Indonesien der Kauflaune seiner jungen Bevölkerung. Die Hälfte der rund 240 Millionen Indonesier ist jünger als 25 Jahre. Zwar ist Armut noch immer das soziale Problem Nummer eins. Laut den Statistiken der Weltbank leben 29 Prozent der Indonesier von weniger als 1,25 Dollar am Tag und jedes fünfte Kind leidet an Unterernährung. Doch schafft eine wachsende Zahl von Menschen den Aufstieg in die Mittelschicht. Wie ausgeprägt bei ihnen die Konsumlust ist, davon zeugen allein in Jakarta mehr als 150 Einkaufspassagen, darunter die größte Südostasiens.

Dank des dominierenden Binnenmarkts und der im regionalen Vergleich geringen Exportabhängigkeit konnte Indonesiens Wirtschaft den Schock der globalen Rezession gut abfedern. Gleichwohl ist das Insel-Reich nicht völlig gegen Schwankungen auf den Weltmärkten immun. Denn das Land exportiert überwiegend Rohstoffe – und die globalen Rohstoffpreise folgen dem Verlauf der Weltkonjunktur. Das macht die führende Volkswirtschaft Südostasiens anfällig für externe Schocks.

Indonesien ist der größte Exporteur von Kraftwerkskohle und liegt bei Erdgas auf Platz drei. Es besitzt die reichsten Kupfervorkommen der Welt und ist der wichtigste Produzent von Palmöl. Die Regierung von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hat es bisher jedoch nicht geschafft, den Raubbau an der Natur bei der Ausbeutung der Rohstoffe zu stoppen. Die illegale Rodung von Regenwäldern für den Palmölanbau ist Ergebnis politischen Versagens. Die einst riesigen Urwälder auf Sumatra und Borneo sind heute gigantische Palmölplantagen. Indonesien trägt damit selbst zum Klimawandel bei, obwohl es mit seinen 17 000 Inseln einer der Hauptleidtragenden eines steigenden Meeresspiegels wäre.

Es gibt weitere Gründe, warum Indonesien trotz der beachtlichen Fortschritte im vergangenen Jahrzehnt bis heute sein großes Potenzial bei weitem nicht ausschöpft. Dabei müsste allein schon die geografische Lage inmitten des asiatisch-pazifischen Kraftzentrums ausreichen, um es zum bevorzugten Standort ausländischer Unternehmen zu machen. Die Häfen liegen an den wichtigsten Seewegen, die Arbeitskräfte sind billiger als in China und Indien, die Rohstoffreserven sind die größten in der Region.

Doch viele der von Yudhoyono angekündigten Reformen, mit denen die wirtschaftsfeindliche Bürokratie und die eklatanten Infrastrukturmängel beseitigt werden sollten, blieben auf halbem Weg stecken. So kommt weder die Vereinfachung des extrem unflexiblen Arbeitsrechts voran noch die Liberalisierung des stark reglementierten Außenhandels. Im Gegenteil: Laut EU-Kommission gehört Indonesien zu den Ländern, die die meisten neuen Handelshürden aufgerichtet haben.

Gravierend ist der Reformstau auch im Schulsystem. Kaum ein anderes Land Asiens investiert pro Schüler so wenig in sein Bildungssystem. Ergebnis: Bei der Pisa-Studie landeten die Indonesier weltweit auf dem letzten Platz. Deutsche Manager beklagen denn auch, das schlechte Ausbildungsniveau mache den Lohnkostenvorteil Indonesiens gegenüber anderen Standorten in Asien wieder zunichte. „Es ist ein schwieriges Land, um Geschäfte zu machen“, urteilt P.S. Srinivas, Chefökonom der Weltbank in Jakarta.

Hinzu kommt die schlechte Infrastruktur: Im Ranking des World Economic Forums landet Indonesien auf Rang 82 von 139 Staaten. „Das Schienennetz ist unzureichend und nur gut die Hälfte des Straßennetzes asphaltiert“, bemängeln Rürup und seine Mitarbeiter.

Am meisten aber bringt die Indonesier auf, dass „SBY“ – so nennen sie ihren 2009 wiedergewählten Präsidenten – offenbar sein wichtigstes Ziel aus den Augen verliert: Den Kampf gegen die Korruption. Anfangs landete er spektakuläre Erfolge. Sogar der Vater seiner Schwiegertochter musste ins Gefängnis. Doch der Elan scheint verbraucht. Als vergangenes Jahr führende Beamte der im Volk geachteten „Kommission zur Korruptionsausrottung“ unter fadenscheinigen Vorwürfen verhaftet wurden, um die Ermittlungen zu torpedieren, da schwieg SBY zum Verdruss seiner Landsleute. Die Beamten wurden zwar kürzlich freigesprochen, doch die Drahtzieher der fingierten Beweise wurden bis heute nicht belangt.

Eine unglückliche Figur machte Yudhoyono auch, als die wichtigste Reformerin im Kabinett, Finanzministerin Sri Mulyani, unter massiven Beschuss ihrer Gegner geriet. Der Präsident beugte sich dem Druck einer um ihre Pfründe besorgten Wirtschaftsoligarchie und versagte Mulyani den Rückhalt. Die zog die Konsequenz und ging im Mai zur Weltbank nach Washington. „Yudhoyono hat seither stark an Autorität verloren“, beobachtet ein deutscher Manager.

Trotz dieser Rückschläge glauben immer mehr Investoren, Indonesien werde Asiens nächste große Erfolgsstory. Die Börse Jakarta hat im November ein Allzeithoch erreicht. Die Regierung rechnet dieses Jahr mit Direktinvestitionen in Höhe von 22 Mrd. Dollar, doppelt so viel wie 2009. Eine Studie des „Economist Intelligence Unit“ kommt zu dem Ergebnis, dass Indonesien in den nächsten Jahren das wichtigste Investitionsziel nach China, Vietnam und Indien wird. Für die deutsche Wirtschaft allerdings spielt es bisher eine Nebenrolle. 2009 betrugen die deutschen Direktinvestitionen nur 104 Mio. Euro.

Auch der deutsch-indonesische Handel ist mit einem Gesamtvolumen von unter fünf Mrd. Euro relativ bescheiden. Dabei erzielt Indonesien dank seiner Rohstoffe einen Überschuss. Die Statistiken zeigen, wie sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft nach Asien verschiebt. China, Singapur, Japan sind die zentralen Handelspartner. Die USA haben stark an Boden verloren. Und anders als vor einem Jahrzehnt gehört heute kein einziges europäisches Land mehr zu Indonesiens zehn wichtigsten Ausfuhrzielen. Für Rürup und sein Team gibt es gute Gründe, dass die Bedeutung für die deutsche Wirtschaft wieder steigt: „Indonesien bietet deutschen Investoren, die auf dem asiatischen Markt expandieren wollen, zahlreiche Chancen.“

Originalbericht: handelsblatt.com

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